Ein uralter Streit mit überraschender Antwort
Manche Menschen schwören auf eine eisgekühlte Trinkflasche im Hochsommer, während andere morgens lieber ein lauwarmes Glas Wasser trinken, um die Verdauung in Schwung zu bringen. In Läuferkreisen kursieren außerdem hartnäckige Mythen: Eiskaltes Wasser soll Magenkrämpfe verursachen, warmes Wasser hingegen Giftstoffe schneller ausspülen. Doch was sagt die Medizin tatsächlich darüber, wie die Wassertemperatur unseren Körper beeinflusst?
Was passiert im Magen bei kaltem oder warmem Wasser?
Weit verbreitet ist die Annahme, dass kaltes Wasser den Magen plötzlich zusammenziehen lässt und so den Verdauungsprozess verlangsamt. Die Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild. Gastroenterologen und Ernährungsexperten erklären, dass unser Verdauungssystem aufgenommene Flüssigkeiten mit bemerkenswerter Flexibilität verarbeitet. Bereits wenige Augenblicke nach dem ersten Schluck beginnt der Körper, die Temperatur des Wassers anzupassen – bis es innerhalb von Minuten der natürlichen Körpertemperatur entspricht.
Die Wassertemperatur beeinflusst weder die Magensäureproduktion noch die Ausschüttung des Verdauungshormons Gastrin in nennenswertem Ausmaß. Auch die Geschwindigkeit, mit der sich der Magen entleert, bleibt davon weitgehend unberührt. Der Einfluss ist schlicht zu kurzfristig, um physiologisch relevant zu sein.
Es gibt allerdings eine kleine Ausnahme: Eiskaltes Wasser unter 4 Grad Celsius kann bei manchen Menschen das Hungergefühl kurzfristig dämpfen. Eine kleinere Studie deutete darauf hin, dass ein großes Glas extrem kaltes Wasser vor einer Mahlzeit den Appetit leicht reduzieren kann. Dieser Effekt ist jedoch verschwindend gering und gilt in der Fachwelt keineswegs als verlässliche Methode zur Regulierung der Nahrungsaufnahme.
Wann ist Zimmertemperatur oder kühles Wasser die klügere Wahl?
Was die optimale tägliche Flüssigkeitszufuhr betrifft, sind sich Ernährungswissenschaftler einig. Empfohlen wird Wasser in leicht kühler bis zimmerwarmer Form – konkret in einem Bereich von 15 bis 22 Grad Celsius. Die Gründe dafür sind sowohl physiologischer als auch verhaltenspsychologischer Natur.
- Höhere und gleichmäßigere Trinkmenge: Verhaltensstudien zeigen, dass wir im Laufe des Tages unbewusst mehr Wasser trinken, wenn die Temperatur angenehm ist – weder brühend heiß noch beißend kalt.
- Weniger Belastung für die Nerven: Menschen mit empfindlichen Zähnen oder einer Neigung zu Migräne können durch schnelle Schlucke Eiswasser heftige Schmerzreize oder den bekannten und unangenehmen „Brain Freeze“ auslösen.
- Schonung der Speiseröhre: Wer ohnehin unter einer empfindlichen Speiseröhre, saurem Reflux im Rahmen einer GERD-Diagnose oder Schluckbeschwerden leidet, riskiert durch extrem kaltes Wasser plötzliche und schmerzhafte Muskelkrämpfe in diesem Bereich.
Welche Risiken bergen extrem heiße Getränke?
Während lauwarmes oder leicht erhitztes Wasser völlig unbedenklich ist, wenn es sich für die Verdauung gut anfühlt, warnen Mediziner ausdrücklich vor übermäßig heißen Flüssigkeiten. Zahlreiche Gesundheitsorganisationen weisen darauf hin, dass ein dauerhafter Konsum von Getränken bei 65 Grad Celsius oder mehr über viele Jahre hinweg mit einer ernsthaften Reizung der Schleimhaut in der Speiseröhre in Verbindung gebracht werden kann.
Eine einfache und praktische Faustregel lautet deshalb: Kaffee, Tee oder heißes Wasser sollten niemals so heiß sein, dass sie auf der Zunge brennen. Ist das der Fall, lohnt es sich, kurz zu warten – zum Wohl der eigenen Gesundheit.










