Das Rätsel um die ersten Infektionsfälle
Die frühesten Anzeichen von Pocken in der Region um Port Jackson wurden historisch im April 1789 dokumentiert – lediglich sechzehn Monate nachdem die sogenannte Erste Flotte eine britische Siedlung in Sydney Cove errichtet hatte. Nun präsentieren Forscher bahnbrechende Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift Nature Human Behaviour.
Den neuen Analysen zufolge entstand die gefürchtete Infektion mit überwiegender Wahrscheinlichkeit direkt in Sydney selbst. Die Daten der Experten deuten zudem darauf hin, dass der Ausbruch mindestens einen Monat früher begann, als die offiziellen historischen Aufzeichnungen bislang vermuten ließen.
Überprüfung von Fernrouten und Ausbreitungswegen
Eine spezialisierte Forschergruppe unter der Leitung des Computersimulationsexperten Matthew Cody Nitschke von der Flinders University hat zwei konkurrierende Theorien eingehend untersucht. Die erste Hypothese verknüpft die tödliche Krankheit unmittelbar mit der Ankunft der britischen Kolonisten. Die zweite Theorie hingegen postuliert, dass die Infektion ursprünglich durch Fischer aus Makassar im heutigen Indonesien nach Nordaustralien gebracht wurde und sich von dort unaufhaltsam nach Süden ausbreitete.
Um diese beiden grundlegend verschiedenen Szenarien zu testen, entwickelte das Team ein ausgefeiltes stochastisches Modell. Dieses wissenschaftliche Werkzeug analysierte verschiedene Teilpopulationen, die spezifische Gemeinschaften und potenzielle Ausbreitungsrouten der Krankheit repräsentierten. Die Forscher überwachten dabei sorgfältig Variablen wie Ausgangspunkte, zurückgelegte Entfernungen, soziale Verbindungen zwischen Gruppen sowie die Übertragungsgeschwindigkeit der Infektion.
Obwohl die Computersimulationen bewusst unter Bedingungen aufgesetzt wurden, die eine schnellstmögliche Ausbreitung begünstigen sollten, war das Ergebnis eindeutig. Eine Reise vom Norden Australiens bis nach Sydney hätte schlicht zu lange gedauert, um den historisch belegten Ausbruch erklären zu können. Das Modell deutet damit stark darauf hin, dass das eigentliche Epizentrum der Epidemie in unmittelbarer Nähe von Sydney lag, von wo aus das Virus rasch in die komplexen Netzwerke der Aborigine-Stämme eindrang.
Biologisches Material und die Medizin jener Zeit
Obwohl das mathematische Modell weder den Namen des ersten Überträgers noch den genauen Zeitpunkt des Sprungs des Virus auf die indigene Bevölkerung enthüllen kann, beleuchtet es eine Reihe entscheidender historischer Zusammenhänge. Die Studie hebt unter anderem deutliche Hinweise darauf hervor, dass die Kolonie über konserviertes biologisches Material für die Variolation verfügte.
Diese frühe medizinische Praxis, die der modernen Impfung vorausging, bestand darin, eine gesunde Person bewusst infektiösem Material auszusetzen, um lebenslange Immunität aufzubauen. Bemerkenswert ist, dass auf den Schiffen der Ersten Flotte kein einziger Pockenfall gemeldet worden war.
Dennoch halten es die Forscher für ein sehr plausibles Szenario, dass die Kolonisten ihren Vorrat an Variolationsmaterial während strategischer Stopps in Häfen wie Rio de Janeiro oder Kapstadt aufgefrischt haben könnten. Ob dies tatsächlich geschah, lässt sich anhand der erhaltenen Quellen bislang jedoch nicht eindeutig belegen.
Sterblichkeitsschätzungen bleiben höchst unsicher
Die Forschung macht deutlich, dass der Südosten Australiens von einer Pockenwelle mit verheerender Wirkung heimgesucht wurde. Die neuen Berechnungen räumen jedoch mit dem hartnäckigen Mythos einer einzigen, alles vernichtenden Epidemie auf, die 1789 den gesamten Kontinent verwüstet haben soll. Weitaus wahrscheinlicher ist es, dass große Teile des australischen Kontinents in dieser Zeit überhaupt keinen Kontakt mit der tödlichen Krankheit hatten.
Zur Schätzung der demografischen Verluste integrierten die Forscher eine Sterblichkeitsrate von 60 Prozent in ihre Berechnungen. Dieser dramatische Wert stützt sich auf internationale Daten über die Verheerungen der Pocken in Bevölkerungsgruppen, die dem Virus zuvor nie ausgesetzt waren und daher keinerlei natürliche Antikörper besaßen. Auf dieser Grundlage erreicht die geschätzte maximale Opferzahl in den betroffenen Gebieten einen erschreckenden Wert von 220.000 Menschenleben.
Diese drastischen Zahlen sind jedoch nicht als endgültige historische Tatsache zu verstehen. Es handelt sich ausschließlich um ein theoretisches Modellszenario, das auf fundierten Annahmen über geografische Reichweite, Infektionsdruck und die Gefährlichkeit des Virus beruht. Die spärlichen zeitgenössischen Aufzeichnungen sind schlicht zu fragmentarisch, um das wahre Ausmaß der Katastrophe vollständig zu erfassen.
Im Verlauf des detaillierten Forschungsprozesses stieß das Team zudem auf keinen direkten Beweis dafür, dass die britischen Kolonisten die Seuche absichtlich verbreiteten. Obwohl die Daten unmissverständlich auf einen Ausbruch mit Ursprung in oder um Sydney hinweisen, können die Algorithmen die genauen Umstände des ersten Kontakts nicht rekonstruieren. Es bleibt daher weiterhin eine offene Frage, ob die Übertragung des tödlichen Virus auf die Aborigine-Gemeinschaften durch einen tragischen Unfall, ein undokumentiertes Ereignis oder eine bewusste Handlung verursacht wurde.










